Blogbeitrag von Robin Richterich und Till Krieg
Als Hugo Bruß, Jahrgang 1934, vor zehn Jahren als Zeitzeuge zu uns ins Museum kam und für Schülerinnen und Schüler der Globus-Gesamtschule aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs berichtete (Abb. 2), kamen wir erstmals mit der Geschichte der jüdischen Familie Stern in Kontakt.
Er erzählte, dass die beiden vierköpfigen Familien Bruß und Stern einst auf der Augustastraße im selben Haus Nr. 29 in Duisburg-Meiderich lebten (Abb. 3). Die Familie Bruß wohnte – wie auch andere Hausbewohner*innen[1] – zur Miete bei Familie Stern, um genau zu sein in der dritten Etage in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Im Erdgeschoss führte Max Stern seit dem 24.12.1912 (Heiligabend)[2] ein „Herren- und Knabenbekleidungsgeschäft“ (Abb. 4 und 5).
Besonders ist uns in Erinnerung geblieben, dass Hugo Bruß berichten konnte, dass es freundschaftlichen Zusammenhalt zwischen den Familien in diesem Haus und in der Nachbarschaft gab und dass er mit der Familie Stern im engen Kontakt stand. Man ging in den Wohnungen ein und aus und die Kinder spielten gemeinsam im Innenhof. Davon zeugen auch Fotos, die Bruß uns zeigte. Hugo ist darauf zu sehen, sein großer Bruder Willi steht hinter ihm. Auch eine Tochter der Sterns – Ingeborg Stern, genannt Inge, (Jg.1927) – steht dort inmitten der Kinder (Abb. 6).
Max Stern war für Hugo Bruß einfach „Onkel Stern“. In Bruß‘ Erinnerungen spielte Inge Geige und ihre Mutter Hedwig „saß an der Nähmaschine. Die machte diese Umänderungen“ für das Geschäft. „Tante Hedwig, die Nähmaschine geht nicht.“ wurde zu einem selbstgedichteten Lied gereimt. „Da hatten wir unseren Spaß, das zu singen. Ich wurde von Max Stern dazu animiert“, erinnert sich Hugo Bruß.
Der junge Hugo erlebte im November 1938 auch den Pogrom im Haus: „Dann kam die Reichskristallnacht[3]. Da wurden sämtliche Scheiben unten eingeschlagen. Auch bei uns hat man die Scheiben eingeschlagen.“ Seinem Vater wurde vom Personalamt der Stadt nahe gelegt aus dem Haus eines Juden auszuziehen. „Aber Vater hat es nicht gemacht. Hat sich dadurch nachher auch erledigt, weil die Sterns ausgezogen wurden. Dies dürfte aber erst im März 1942 erfolgt sein[4], denn Mitte 1939 wurde Max Sterns Haus zu einem sogenannten Judenhaus erklärt.[5] Dies waren Wohnhäuser, in welche jüdische Menschen zwangsweise eingewiesen wurden, nachdem sie ihre bisherigen Wohnungen verlassen mussten. Sie dienten der Ausgrenzung, Kontrolle und räumlichen Konzentration der jüdischen Bevölkerung und eine Zwischenstation vor der Deportation in Ghettos oder Vernichtungslager.[6]

![Abb7 Abb. 7: Auszug aus der Deportationsliste. Max Stern scheint im Vorfeld der Deportation zu Tiefbauarbeiten herangezogen worden zu sein, oder eine derartige Tätigkeit nach Aufgabe des Geschäfts angenommen zu haben. Quelle: https://www.statistik-des-holocaust.de/OT420422-43.jpg [abgerufen am 10.07.2026]](https://www.erinnerungskultur-duisburg.de/wp-content/uploads/2026/07/Abb7.jpg)
In den Monaten März und April 1940 tauchen für diese Adresse Annoncen in den Zeitungen auf mit Verkaufsinseraten von Wohnungseinrichtungen. Auch wenn kein Name fällt, ist nicht unwahrscheinlich, dass diese von Familie Stern aufgegeben wurden.
Ende März 1942 mussten Max und Hedwig Stern mit Inge und dem Rest der Familie zwangsweise ins „Judenhaus“ Baustraße 53 umziehen (Abb. 7). [7] Die gesamte Familie Stern wurde keine vier Wochen später am 22.04.1942 mit dem Sonderzug „DA 5“ vom Duisburger Hauptbahnhof über das Sammellager Düsseldorf Schlachthof mit weiteren 130 Duisburgerinnen und Duisburgern nach Polen ins Ghetto Izbica deportiert und vermutlich wenige Monate später im Vernichtungslager Sobibor ermordet.[8]
Herr Bruß erwähnte, dass er ein Portrait von Inge Stern besitzt (Abb. 1), welches jahrzehntelang in der elterlichen Wohnung hing (Abb. 8). Die Erinnerung an Inge und die Familie Stern wurde dadurch bei Familie Bruß wachgehalten.
Das ist bemerkenswert, da bekannt ist, dass die Verfolgung der jüdischen Minderheit meist ein Tabuthema in nicht-jüdischen Familien war und man sich wahrscheinlich selten Fotos von Opfern des Holocaust ins eigene Wohnzimmer hängte. Neben bekannten Versteigerungen „aus nicht arischem Besitz“, die es auch für Duisburg nachzuweisen[9] gilt, gab es offensichtlich auch Gegenstände, die mehr oder weniger freiwillig an befreundete Personen und Nachbar*innen abgeben wurden. Bekannt ist, dass auch heute noch in deutschen Haushalten einstiger Besitz von deportierten Juden existieren muss. Für Duisburg und das Historische Zentrum ist das Auftauchen des Portraitfotos bereits der zweite Fall. Schon 2014 erhielten wir ein Doppelportrait im großen ovalen Rahmen, das die Schwestern Gerda und Ilse Klestadt zeigt (Abb. 9) – ebenfalls ein Kinderfoto, welches nicht-jüdischen Bekannten geschenkt wurde.[10] Es dürfte sich somit nicht um eine Einzelerfahrung, sondern um ein soziales Phänomen gehandelt haben.
Da Herr Bruß die Erinnerung an seine Jugendfreundin Inge Stern für wichtig hielt, gab er das gerahmte Foto an einen lokalen Verein. Nachdem wir Herrn Bruß auf die Bedeutung des Fotos aufmerksam gemacht hatten, bemühte er sich, das Foto zurückzuerhalten, zumal er feststellen musste, dass der Verein dem Foto keine größere Aufmerksamkeit schenkte und es eher unbeachtet im Vereinsheim aufbewahrt wurde. Hugo Bruß brachte es zum Zentrum für Erinnerungskultur. Bevor Familie Stern Ende März 1942 zwangsweise ins Judenhaus Baustraße 53 umziehen musste, bekam Hugo Bruß im achten Lebensjahr von der Familie seiner Freundin und Spielkameradin auch eine Wanduhr übergeben, die Herr Bruß „Regulator“ nannte. Eine Pendeluhr, wie sie in vielen Haushalten hing, hergestellt von der Badischen Uhrenfabrik AG und mit angenehmem Stundenschlag (Abb. 10). Max Stern soll sie einst im Nachbarhaus gekauft haben, so erinnert sich Herr Bruß. In der Tat verweist ein kleines Händlerschildchen im Uhrenkasten auf ein Geschäft für Uhren, Goldwaren und Optik: Hermann Grasshoff, Augustastraße 31 in Meiderich (Abb. 11 und 12).
Die Uhr und das Foto – und damit auch die Erinnerungen an Inge und ihre Familie haben Hugo Bruß sein Leben lang begleitet. Man könnte meinen, das gleichmäßige Ticken der Uhr sei der symbolische Herzschlag der Familie Stern, der in der Wohnung von Familie Bruß weiterschlug – auch nachdem die Herzen der Sterns alle zum Stillstand gebracht wurden. Es sind die mutmaßlich letzten Habseligkeiten, die von der Familie aus der Augustastraße 29 übrigblieben.
Nachdem Hugo Bruß einige Jahre später ein weiteres Mal vor Schulkindern seine Geschichte über die Kindheit in der NS-Zeit und die Gemeinschaft mit den jüdischen Nachbar*innen bzw. Vermietern erzählt hatte, wandte er sich über seinen Schwiegersohn erneut an uns, da er nun auch die Uhr in den Besitz des Zentrums für Erinnerungskultur abgeben wollte – im Wissen darum, dass es sich um ein wichtiges und symbolträchtiges Objekt der Erinnerungskultur handelt. Die Uhr ist nun Teil der Sammlung vom Zentrum für Erinnerungskultur.
Fast parallel meldete sich eine Kuratorin des Hauses der Geschichte in Bonn mit einem neuen Ausstellungsprojekt bei uns, die nach außergewöhnlichen Geschichten fragte, die im Kontext der Erinnerung an den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust stehen. Uns fiel direkt die Geschichte der Familie Stern und die Verbindung zur Familie Bruß ein, mit dem Hinweis darauf, dass es ein eher seltener Fall sein müsste. Das Foto von Inge Stern im Goldrahmen und die Geschichte der Erinnerung wurden im Haus der Geschichte in die Ausstellung „Nach Hitler. Die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“ aufgenommen (Abb. 13). Ein ergänzendes Foto aus dem Besitz von Herrn Bruß (Abb. 8) zeigt den Besuchenden der Bonner Ausstellung, die noch bis zum 27. Januar 2027 zu sehen ist, dass sich eine nicht-jüdische Familien zur Erinnerung an verfolgte und befreundete Familie das Foto der Tochter im Wohnzimmer platzierte.
Auch wenn bereits 2007 Stolpersteine für die Familienmitglieder Stern (Abb. 14) und andere Bewohner*innen des „Judenhauses“ Baustraße 53 verlegt wurden, ließen sich damals kaum Quellen zu Familie Stern ausfindig machen. Weder hatten Nachfahren Anträge auf Wiedergutmachung gestellt, noch fanden sich Bezüge zu anderen Familien. Umso erstaunlicher scheint der Zufall, dass sich über die Kontaktaufnahme einer anderen jüdischen Familie (Herz und Lukas) unser Wissen über die Familie Stern um einen neuen Aspekt erweitert hat: Aus Edith Lukas Pagelsons Buch „Against all odds. A miracle of Holocaust Survival“, in dem sie über ihre NS-Verfolgung, Lagerhaft in Auschwitz, Birkenau und Buchenwald berichtet, haben wir erfahren, dass sie mit den Sterns, insbesondere mit den beiden Kindern Kurt und Inge, befreundet war. Kurt sei ihr „boyfriend“ gewesen und Inge ihre beste Freundin, mit der sie gemeinsam die jüdische Jawne-Schule in Köln besuchte, nachdem jüdischen Schülerinnen und Schülern der Besuch regulärer Schulen nach dem Novemberpogrom 1938 verboten worden war.
Dies sind nun immer konkretere Erinnerungen anderer Menschen an Inge Stern, die über das, was wir bisher wussten, und was fast ausschließlich im Kontext der Verfolgung stand, bekannt ist. Mit etwas Glück gibt es noch weitere Geschichte(n) der Familie Stern, die es über ihr Leben zu erzählen gilt.

[3] Der Zeitzeuge verwendet den Begriff aus seinen Erinnerungen heraus. Heute sprechen wir in Abgrenzung zur nationalsozialistischen Terminologie vom Novemberpogrom 1938. Anmerkung der Autoren
[4] Siehe: Günter von Roden: Geschichte der Duisburger Juden, Bd. 2, S. 1322.
[5] Vgl. Duisburger General Anzeiger vom 4.10.1939.
[6] In Duisburg gab es über 40 solcher „Juden“- bzw. Ghettohäuser.
[7] Biogramm Max Stern, in: Von Roden, Günter, Geschichte der Duisburger Juden. Duisburger Forschungen, Band 34, Teil 2, Walter Braun Verlag 1986, S. 1322.
[8] Gottwald, Alfred; Schulle, Diana: Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich von 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie. Wiesbaden 2005, S. 195–196.
[9] Siehe: Annonce im Duisburger General-Anzeiger vom 15.2.1939.
[10] Abgebildet in: Kanther, Michael; Ley-Schalles, Anne: „Noch viele Jahre lang habe ich nachts von Duisburg geträumt“. Jüdisches Leben in Duisburg 1918 bis 1945, Duisburg 2015; S. 60.
Text: Till Krieg (Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg), Robin Richterich (Zentrum für Erinnerungskultur)
Redaktion: Dr. Andrea Gropp (Kultur- und Stadthistorisches Museum), Christa Frins (Zentrum für Erinnerungskultur)













![Abb14 Abb. 14: Stolperstein für Ingeborg (Inge) Stern vor der Augustastraße 29. Quelle: https://stolpersteine.wdr.de/web/de/stolperstein/1512 [abgerufen am 10.07.2026]](https://www.erinnerungskultur-duisburg.de/wp-content/uploads/2026/07/Abb14.jpg)




