von Andrea Budde und Birgit Budde
Eine Druckerei, ein verschwundener Name – und eine vergessene Geschichte
„Druckerei M. Mendelssohn – Inhaber Menno Budde“: der Aufdruck ist auf einer historischen Postkarte der Alten Tonhalle, die auf der Königstrasse war, kaum erkennbar. Die Postkarte hängt im Kultur- und Stadthistorischen Museum. Die Schwestern Andrea und Birgit Budde entdeckten bei ihrem Besuch im Duisburger Museum im September 2025 diese Spur ihrer Familie.
Über die Vorfahren Mendelssohn war in der Familie Budde lange geschwiegen worden. Erst aus einer Veröffentlichung des Gelsenkirchener Instituts für Stadtgeschichte hatten die Schwestern 2002 erfahren, dass ihr Großvater Max Budde, wie seine Geschwister in Duisburg geboren, als Jugendlicher noch Max Mendelssohn geheißen hatte.[1]

Die Schwestern erhielten 2022 einige Kisten mit Erinnerungsstücken. Sie wurden ihnen auf einem Familientreffen übergeben. Der Onkel habe die Kisten immer als „Giftschrank“ bezeichnet, so ihr Cousin bei der Übergabe. Darin waren Briefe, Dokumente, Verträge und Ahnentafeln, größtenteils aus der NS-Zeit, die vom gemeinsamen Großvater Max aufbewahrt worden waren. Nach einigen Jahren der Durchsicht der Dokumente, vielen Archivanfragen und -besuchen, und Heranziehen von Fachliteratur entwickelte sich ein völlig neues Bild der Familiengeschichte.
Taufe, christliche Ehe, Namenswechsel: Hoffnung auf Sicherheit
Der Duisburger Druckereibesitzer Menno Elimar Mendelssohn war 1848 in Jever in Friesland als eines von 14 Kindern des friesischen „Turnvaters“ und Gymnasiallehrers Salomon Mendelssohn und dessen Frau Johanne (geb. Philippsohn) geboren worden. Beide Familien gehörten seit Generationen kulturell und religiös zum aschkenasischen Judentum. Mit „Aschkenas“ wird die Region um Trier, Worms und Speyer bezeichnet. Dort entwickelten sich im Mittelalter eigene religiöse und sprachliche Eigenheiten, so wurde z.B. die Alltagssprache Jiddisch gesprochen. Durch Vertreibungen und die damit verbundenen Wanderbewegungen verbreiteten sich Sprache und Eigenheiten im heutigen Polen, der Ukraine, Litauen und Russland. Schon Mennos Vater, Salomon Mendelssohn[2], war ein beispielloser Aufstieg gelungen: Als Erzieher der Kinder des Herzogs Peter II. von Oldenburg und als erster und einziger jüdischer Gymnasiallehrer für Sport stand er in Staatsdiensten. Wie viele jüdische Familien im Spannungsfeld antisemitischer Vorurteile, der schrittweisen Integration, Emanzipation und Akkulturation ließen Salomon und seine Frau in den 1850er Jahren ihre Kinder evangelisch taufen.[3] Tatsächlich gelang vielen Mendelssohns der Aufstieg – ein Bruder wurde als Professor in Dorpat[4] geadelt, ein anderer wurde Apotheker.[5]
Menno selbst arbeitete zeitweise als reisender Buchhändler[6] und lernte in Rheydt seine spätere Frau kennen: die katholische Lehrerin Elisabeth Clementine Budde. Sie heirateten 1876 und zogen nach Duisburg. Mit finanzieller Unterstützung von Elisabeths Bruder, dem Physiker Prof. Dr. Emil Arnold Budde[7], konnten sie die Grundstücke an der Königstraße 58 / Am Buchenbaum 21 erwerben. Dort entstand ein repräsentatives Wohnhaus gegenüber der Tonhalle und dahinter eine moderne Druckerei.
Die vier Söhne gingen auf das altehrwürdige Königliche Gymnasium, das heutige Landfermann-Gymnasium[8]. Menno Mendelssohn war in Duisburg ein geachteter und gesellschaftlich engagierter Mann: Er war Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, Gründer und Vorsitzender des Vereins zur Pflege der deutschen Sprache, im Vorstand des Sauerländischen Gebirgsvereins und Schöffe bei Gericht.[9]
Integration und Assimilation schien mit Taufe, Ehe mit einer Katholikin, katholischer Erziehung der fünf Kinder sowie gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Erfolg gelungen. Doch als Ende des 19. Jahrhunderts nach einer kurzen Zeit der Gleichberechtigung der Antisemitismus nun rassenbiologisch begründet wurde, nutzte auch die christliche Taufe nichts. Im Gegenteil: Die Taufe wurde nun als aktives Verheimlichen der jüdischen Herkunft aus Feigheit und Opportunismus interpretiert.[10] Im öffentlichen Leben, Schule und Nachbarschaft wurden Mendelssohns aufgrund ihres jüdisch klingenden Namens weiter als Jüdinnen und Juden betrachtet.
Menno Mendelssohn beantragte 1898 für sich, seine Frau und die gemeinsamen Kinder die Annahme des Geburtsnamens Elisabeths – Budde, ein weiterer Schritt der Assimilation, den viele Bürger jüdischer Herkunft, aufgrund des allseits gegenwärtigen Antisemitismus gingen. Mennos Antrag wurde vom Regierungspräsidium in Düsseldorf zunächst mit der Begründung abgelehnt, ein „jüdisch klingender Name“ sei kein Grund für eine Namensänderung.[11] Im zweiten Anlauf gelang die Namensänderung mit dem Argument, dass das Regierungspräsidium Köslin für Mennos Bruder Julius die Namensänderung bereits genehmigt hatte. Auch die Duisburger Mendelssohns hießen ab jetzt „Budde“. Die Druckerei in der Königstraße 58 firmierte weiter unter dem Namen „M. Mendelssohn“. Inhaber war Menno Budde.[12]
Die von den Urenkelinnen entdeckte Postkarte im Kultur- und Stadthistorischen Museum war demnach zwischen 1898 und 1901, dem Tod von Menno im Alter von 53 Jahren, gedruckt worden. Menno hatte seine Briefe auch nach der Namensänderung weiter mit „MMendelssohn“ unterschrieben.
Nach Mennos Tod wurde Elisabeth Clementine Budde Inhaberin der Druckerei, der Gebäude und Grundstücke an der Königstraße. Sie starb 1925.
Ihr Sohn, Großvater der Schwestern, Prof. Dr. Max Budde, wurde Verwalter der Erbengemeinschaft. Das ehemalige Wohnhaus der Familie Mendelssohn in der Königstraße 58 war mittlerweile zum Geschäftshaus geworden. Die jeweiligen Mieter warben in der Zeitung mit „beste Lage gegenüber der Tonhalle“.[13] Unter den zahlreichen Mietern, von denen einige jüdischer Herkunft waren[14], befand sich auch Hermann Scheuermann, Begründer der heute noch existierenden Duisburger Buchhandlung. Damals beantragte er eine Baugenehmigung für seine innovative Idee, einen Ansichtskartenautomaten vor dem Haus anzubringen, wie in der Hausakte zu lesen ist.[15]
Im Visier der Nationalsozialisten
Die Versuche der Familie, sich vollständig in die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu assimilieren wurden mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Januar 1933 zunichte gemacht. Als erster wurde der älteste Budde-Sohn, der Chirurg Dr. med. Moritz Budde, als „jüdischer Arzt Dr. Moritz Budde, früher Mendelsohn“ (!)“ und „Dr. Budde alias Mendelsohn“ auf NSDAP Wahlplakaten nicht weit von Duisburg in Hüls (bei Krefeld) öffentlich diffamiert. Er war wie seine Mutter katholisch getauft und hieß zu diesem Zeitpunkt schon seit 35 Jahren „Budde“. Die Nationalsozialisten warfen ihm vor, als Chirurg „eine Monopolstellung“ innezuhaben und ohne Grund eine Abfindung von 5000.- Reichsmark erhalten zu haben.[16] Kurze Zeit später verlor er seine Stellung als Chirurg.[17] Im Sommer 1938 starb er im Alter von 61 Jahren. Nach 1945 wurde festgestellt, dass der Tod verfolgungsbedingt eingetreten ist. Er hinterließ neben seiner Ehefrau vier minderjährige Kinder.[18]
Der zweitälteste Sohn von Menno und Elisabeth, der Oberstudienrat Dr. phil. Erich Budde,[19]wurde 1936 aufgrund seiner „nichtarischen Abstammung“ als Beamter aus dem Schuldienst in Bremen entlassen und überlebte mit Gelegenheitsjobs an verschiedenen Orten in Niedersachsen.[20]
Der Großvater der Schwestern Budde schließlich, Prof. Dr. med. Max Julius Budde, wurde als Chirurg und Chefarzt des katholischen Marienhospitals Gelsenkirchen als „Mischling“ und „Nichtarier“ vom NS-Ärztebund öffentlich attackiert.[21] Nicht nur seine im NS-Ärztebund organisierten Kollegen, auch der Kirchenvorstand der Propsteigemeinde als Arbeitgeberin versuchten, ihn 1933 zu kündigen.[22] Seine Frau Elsbeth setzte sich von Anfang an für ihn ein und konnte durch ihre guten familiären Verbindungen zu katholischen Honoratioren sein Verbleiben als angestellter Chirurg erreichen. Seine Stellung als Chefarzt und alle Nebentätigkeiten, die 50 % der Familieneinkünfte ausmachten, verlor er aufgrund gesetzlicher Regelungen gegen „Nichtarier.“ Seine Ehefrau Elsbeth starb im Januar 1937 mit nur 42 Jahren aus ungeklärten Gründen; offiziell hieß es „an einem Herzschlag“. Zurück blieben vier minderjährige Kinder, so auch der Vater der beiden Schwestern. Beerdigt wurde Elsbeth im Familiengrab Mendelssohn-Budde in Duisburg-Neudorf auf dem Friedhof Sternbuschweg.
Verkauf aller Gebäude und Liegenschaften in Duisburg
1941 verkaufte die Erbengemeinschaft Budde aus finanzieller Not (Arbeitslosigkeit, Einkommensverlust bzw. -halbierung) mehrere Liegenschaften an die Stadt Duisburg. Ob dabei ein angemessener Kaufpreis gezahlt wurde, ist bislang nicht abschließend geklärt. 1943 wurde das Gebäude der Druckerei Am Buchenbaum 21 bei einem Bombenangriff schwer beschädigt.[23]
1946 verkaufte die Erbengemeinschaft Budde das Elternhaus in der Königstraße 58 mit dem gesamten Areal samt Grundstück Am Buchenbaum 21. Käufer waren Konditormeister Hugo Ernst, ein frühes NSDAP-Mitglied und seine Ehefrau.[24] Im Vorderhaus Königstraße 58 betrieben sie „Cafe und Konditorei Ernst“. Auf dem hinteren Grundstück steht bis heute das von ihnen erbaute „Haus Ernst“. Damit sind alle „Spuren und Erinnerungen an die Familie Mendelssohn-Budde in Duisburg verwischt. 1948 errichtete Helmut Horten, der ab 1936 durch Arisierungen eine steile Karriere machen konnte, in unmittelbarer Nähe sein neues großes Kaufhaus.
Ein stilles Zeugnis aus Stein – Erinnern statt Vergessen?
Birgit und Andrea Budde waren eigentlich nach Duisburg gereist, um einen Platz für die Grabsteine ihrer Urgroßeltern Clementine und Menno zu finden, vielleicht sogar am alten Bestattungsort auf dem Friedhof Am Sternbuschweg. Auf dem Grabstein der mutigen und couragierten Geschäftsfrau Elisabeth Budde, verheiratete Mendelssohn, umbenannt Budde ist zu lesen: „Elise Budde, geb. Budde“. Auf Mennos Stein steht „Menno Budde“.
Die Grabsteine ihrer Großeltern Max und Elisabeth Budde und einiger weiterer Am Sternbuschweg beerdigten Familienmitglieder gibt es nicht mehr. Die Kindheitserinnerungen – an das Kerzenanzünden an Allerheiligen bleiben den Schwestern.
„Wir wussten nicht, dass unsere Familie einmal so präsent in der Stadt war“, sagen die beiden. „Jetzt wollen wir, dass diese Geschichte nicht wieder in Vergessenheit gerät.“
Sie bleibt sichtbar – die alte Postkarte im Museum mit dem fast verborgenen Schriftzug: „Druckerei M. Mendelssohn – Inhaber Menno Budde“. Und demnächst mit den Grabsteinen auf dem Friedhof Am Sternbuschweg. Vielleicht folgt irgendwann eine Plakette am „Haus Ernst“ und in der Königstraße 58? Wünschen würden es sich die Schwestern.
Von Andrea Budde/Birgit Budde
Redaktion: Robin Richterich & Christa Frins, Zentrum für Erinnerungskultur, März 2026
drabudde@gmail.com – birgit.budde@posteo.de
[1] Andrea Niewerth, Gelsenkirchener Juden im Nationalsozialismus, 2002, S. 90 ff. Die Autorin zitiert aus einer „Wiedergutmachungsakte“ eines Prof. Dr. B., dem Chefarzt des Marienhospitals Gelsenkirchen. Die Schwestern verfolgten die Spur und entdeckten den Geburtsnamen und die Namensänderungsunterlagen ihres Großvaters. https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Budde
[2] https://www.groeschlerhaus.eu/2025/01/salomon-mendelssohn/. Mit seiner Bedeutung bei der Einführung des Turnunterrichts für Mädchen befasst sich in Oldenburg vom 15.-26.4.2026 die Ausstellung „Ein Gefühl, das bleibt. Mit fünf Sinnen durch das Vereinsleben des Oldenburger Turnerbunds“ im Forum St. Peter in Oldenburg.
[3] Die rechtliche Gleichstellung von Juden wurde erst durch die Verfassungsbestimmungen des Deutschen Kaiserreichs von 1871 erreicht.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Mendelssohn
[5] Zunächst in Hamburg, später gehörte ihm die Löwenapotheke am Marktplatz im pommerschen Schivelbein (heute Świdwin, Polen)
[6] Eintrag im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels, 1875, Ausgabe Nr.211
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Arnold_Budde
[8] Für das Gymnasium hatte die Druckerei Menno Mendelssohn 1875 die jährlichen Schulnachrichten gedruckt.
[9] Rhein und Ruhr Zeitung 269 vom 15.11.1884: …“zur Schöffenwahl…Buchdruckereibesitzer Menno Mendelssohn zu Duisburg.“…
[10] Werner Sombart, Judentaufen, München 1912, S. 16. Victor Klemperer, der evangelisch getauft war, beschreibt seine diesbezüglichen Erfahrungen in seinen Tagebüchern.
[11] Nachlass Prof. Dr. Max Julius Budde, Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen.
[12] General Anzeiger für Duisburg und Umgegend vom 24.10.1898 Westdeutsche Zeitung, Lüdenscheider Zeitung: Duisburg den 22.10.1898: …bitte ich, alle persönlich bestimmten Zuschriften fernerhin an Menno Budde zu richten…..
[13] Belege aus Hausakte Königstr. 58, Bd. 1 Stadtarchiv Duisburg.
[14/15] Ebenda Scheuermann- Krieger.
[16] Vgl. Plakat der NSDAP Hüls aus Wiedergutmachungsakte Karla Budde geb. Kübel, Stadtarchiv Krefeld, Signatur: 18/8561 und 18/8562. Die Stadt Krefeld hat Moritz Budde als jüdisches Opfer des NS-Regimes gelistet. Seine Witwe Karla erhielt nach 1945 eine Verfolgten-Witwenrente.
[17] Die katholischen Kirchengemeinden vor Ort hatten seine Verträge gekündigt, obwohl es dazu rechtlich kein Grund bestand.
[18] Hier liegt ein interessanter Schriftwechsel mit dem Vormundschaftsgericht Duisburg vor, ob es einem „Mischling 1. Grades“ (Max) erlaubt ist, als Vormund für „Mischlinge 2. Grades“ (seiner Neffen) zu fungieren. Nachlass Max Budde, ISG Gelsenkirchen.
[19] Der jüngste Sohn Hugo war 1908 als Jugendlicher gestorben, inwieweit auch seine Schwester Berta Traut verfolgt wurde, konnte noch nicht recherchiert werden.
[20] Wiedergutmachungsakte Dr. Erich Budde, Landesarchiv Niedersachsen, Abt. Hannover, Nds.110W, Acc.84/90 Nr. 2381.
[21] Beim Sommerfest der NSDAP Bulmke-Hüllen am 2. September 1933 entrüstet sich der Leiter des NS-Ärztebundes Elverfeld in seiner Ansprache darüber, dass die Propsteigemeinde „es bisher nicht für nötig gefunden habe, den ‚Halbjuden‘ Professor Dr. Budde zu entlassen. […] [J]edenfalls würden noch in diesen Tagen Zwangsmasnahmen ergriffen, worüber man in Gelsenkirchen staunen würde.“ Zitat aus der Wiedergutmachungsakte von Prof. Dr. Max Budde, Stadtarchiv Gelsenkirchen, Akte Nr. 2033.
[22] Vgl. Aufsätze zu Max und zu Meinhard Budde von Birgit und von Andrea Budde in: Sabine Kittel/Sarah Gartner (Hg.) Neue Forschungen zum Nationalsozialismus in Gelsenkirchen. Essen: Klartext (im Erscheinen)
[23/24] Vgl. Abschrift Akte Grundbuchamt Duisburg, Bd. 28 Artikel 7, Abt. III Nr. Flur 4 Parzelle 3473 und 840, Nachlass Max Budde, ISG Gelsenkirchen















