Radierung erinnert an die Böningermühle
von Harald Küst
Eine Schenkung des Rheinischen Mühlen-Dokumentationszentrums e. V. ans Duisburger Stadtmuseum zeigt die Sommerresidenz der Familie Böninger in den 1920er-Jahren.
Das Gebäude wurde 1944 zerstört. Die Geschichte dahinter enthüllt nun eine Radierung.
Eine kürzlich dem Stadtmuseum geschenkte Radierung aus dem Bestand des Rheinischen Mühlen-Dokumentationszentrums (RMDZ) erinnert an die Böningermühle in den 1920er-Jahren. Die Radierung stammt von dem Künstler Egon Kobe. Sie zeigt die Sommerresidenz der Familie Böninger. Vor dem Hintergrund dichten Grüns mit Teich, Schwänen und üppigem Uferbewuchs fängt er in feiner Schraffur die idyllische Ruhe dieses Ortes ein – ein typisches Motiv der Heimatgrafik der Zwischenkriegszeit. Kobes präzise Linien und romantische Überhöhung machen das Blatt zu einem Schatz lokaler Erinnerungskultur. Dr. Marius Lange, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadtarchivs, hat die Geschichte hinter dem Bild recherchiert.
Er gehörte einst dem Johanniterorden, der sich kurz zuvor an der Marienkirche niedergelassen hatte. Deshalb wurde sie auch „Marienmühle“ (oder „Unsere lieben Frau Mühle“) genannt. Sie wurde bereits im 13. Jahrhundert als „S. Merienmolen“ erwähnt und ist im Corputius-Plan von 1566 deutlich am Dickelsbach erkennbar. Später kam sie in Privatbesitz und diente als Kornmühle. Die um das Jahr 1560 eingewanderte Familie Böninger erwarb die Mühle Mitte des 17. Jahrhunderts. Böninger nutzte die Mühle ab 1774 als Tabakmühle. Sie stand nahe der Stelle, wo früher der Dickelsbach die Musfeldstraße unterquerte, also an der heutigen Einmündung der Dickelsbachstraße in den Hochfeld-Westteil des Parks. Um 1780 wurde der Tabakmühlenbetrieb eingestellt. 1811 erfolgte die Umnutzung als Spinnerei.
Als französische Truppen im Jahr 1794 Düsseldorf besetzten, flohen Mitglieder der dortigen Kunstszene ins ruhigere Duisburg. Die Familie Böninger bot den Künstlern Schutz. Ihre umgebaute Mühle wurde zum Refugium. Hier begegneten sich Naturerlebnis und künstlerische Inspiration – ein früher Vorbote der Romantik in der Region. Der bedeutendste von ihnen war Johann Peter Langer (1756–1824), der spätere Direktor der Münchener Akademie. Er malte für seine Gastgeber zwei herausragende Damenbildnisse. Innovativ waren auch seine mechanografischen Tapetenmalereien im Stil des Klassizismus. In Duisburg gründete Langer mit Johann Böninger (1756–1810) das „Mechanographische Institut“. Langer hatte ein Verfahren entwickelt, das die Herstellung von in Öl gemalten Bildern auf Leinwandtapeten beschleunigte.
Das komplette Areal wurde Anfang des 19. Jahrhunderts zum Landsitz umgestaltet. Der Umbau zum Sommersitz markiert den Aufstieg des Duisburger Bürgertums: Man leistete sich die Natur als Kulisse. Der angrenzende Böninger-Park zeugt noch heute von diesem Gestaltungswillen. Bereits ab 1912 wurde der Park teilweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, 1921 erwarb die Stadt den westlichen Teil des Parks. 1924 wurde in dem Gebäude die erste Jugendherberge Duisburgs eingerichtet. Das Parkgelände war Treffpunkt der unterschiedlichsten Jugendgruppen. Dabei kam es auch zu Konflikten zwischen „Edelweißpiraten“ und der HJ Jugend. Das Gebäude wurde traditionell von Jugendverbänden genutzt, aber gegenüber der Stadtverwaltung zunehmend von der HJ beansprucht und dominiert. Mitte 1934 wurde das Gebäude „endgültig“ Sitz des HJ-Bannes 235. Wo einst Künstler über Ästhetik debattierten, wurde nun Jugend im Sinne der NS-Ideologie geschult. Diese Ära endete jäh im Jahr 1944: Ein Luftangriff beschädigte die ehemalige Sommerresidenz der Böninger schwer.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 lag das Parkgelände zunächst brach. Die Menschen aus der Umgebung nutzten es pragmatisch: Zeitzeugen berichten, dass dort Gemüse angebaut und Holz zum Heizen geschlagen wurde. Erst einige Jahre später, im Jahr 1949, fasste die Stadt den Entschluss, dem Park neues Leben einzuhauchen und ihn in zwei Bauabschnitten wiederherzustellen.
Im Laufe der Zeit erfuhr die Anlage schließlich eine umfassende Neugestaltung. Die Gehölzflächen wurden sorgfältig überarbeitet und die Wege den modernen Anforderungen angepasst – sie wurden barrierefrei ausgebaut, sodass der Park heute für alle zugänglich ist. Von der ehemaligen Sommerresidenz der Familie ist nichts mehr zu erkennen. Was bleibt, ist die Erinnerung – und Kunstwerke wie die Radierung im Stadtmuseum.
Der Artikel ist zuerst in der Rheinischen Post vom 18. April 2026 in der Serie „Duisburger Geschichte und Geschichten“ erschienen.
Das Rheinische Mühlen-Dokumentationszentrum e.V. (RMDZ) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Duisburg.
Er fördert das Wissen um die regionale Mühlengeschichte. Seine Mitglieder sind als Forscherteam ehrenamtlich tätig.
Infos und Kontakt unter info@rmdz.de | www.rmdz.de









