Als sich die Gräber plötzlich öffneten – der Totenkeller unter der Duisburger Karmelkirche
Von Harald Küst
Ein Bagger, ein einstürzendes Gewölbe und Tausende menschliche Gebeine:
Was sich im Frühjahr 1956 unter den Ruinen der Duisburger Minoritenkirche ereignete, klingt wie der Auftakt zu einem historischen Kriminalroman aus der Nachkriegszeit.
Ein Bagger stößt auf die Toten der Stadt
Bei Bauarbeiten im Bereich der damaligen Minoritenkirche, der heutigen Karmelkirche, geriet unerwartet die unterirdische Begräbnisstätte in den Blick: Die Erschütterungen des Baggers hatten Teile der Hohlräume zum Einsturz gebracht. Plötzlich öffnete sich der Boden und gab den Blick auf eine Welt frei, die lange Zeit verborgen geblieben war. An beiden Seiten des Geländes lagen laut dem damaligen Zeitungsbericht 60 übereinander angeordnete und teilweise noch verschlossene Grabkammern. Der Totenkeller befand sich unter dem Langhaus der ehemaligen Minoritenkirche, deren Nachfolgebau sich heute im Bereich der Karmelkirche am Karmelplatz in der Duisburger Altstadt befindet. Der Fund war nicht nur archäologisch bemerkenswert. Er machte auch deutlich, wie eng das Leben und Sterben früherer Generationen mit den Kirchen der Stadt verbunden war. In den geöffneten Kammern fanden sich Reste von Särgen sowie Knochen und Schädel von Ordensleuten, Pastoren und einigen Äbten von Hamborn. Waren die Kammern vollständig belegt, so wurden ältere Gebeine teilweise ausgeräumt und in einem zentralen Bereich zusammengetragen.
Wandel der Begräbniskultur
Anlass für die Errichtung des Totenkellers war die Renovierung des Kircheninneren im Jahr 1774, so die Chronik der Karmelgemeinde. Bei der Errichtung des Gewölbes im 18. Jahrhundert wurden die Gebeine der zuvor unter den Bodenplatten bestatteten Ordensleute exhumiert und im neuen Keller zusammengeführt. Eine Tafel im Keller bezieht sich auf den Erbauer selbst: „Niemand sollte ein Recht haben, dort begraben zu werden, außer dem Maurermeister Christian Luschi aus Duisburg, der den Totenkeller errichtete.” Aus historischer Sicht ist diese Erwähnung bemerkenswert, da sie darauf hindeutet, dass ein Handwerksmeister für seine Leistung eine besondere Wertschätzung oder eine vertraglich zugesicherte Auszeichnung erhielt. Der Duisburger Totenkeller zeigt, dass sich die Bestattungskultur des 18. Jahrhunderts zwischen Tradition und Moderne bewegte. Einerseits blieb die Beisetzung im sakralen Raum ein erstrebenswertes Privileg. Andererseits wurden die sterblichen Überreste zunehmend kollektiv organisiert, um Platz zu schaffen. In diesem Sinne spiegelt er eine sich wandelnde Begräbniskultur wider.
Zuschütten oder erhalten?
Bevor die Bagger den Totenkeller ins Licht der Öffentlichkeit rückten, wussten Metalldiebe um dessen Existenz. Nach dem Krieg nutzten Jungen den Totenkeller als geheimen Abenteuerspielplatz. „In Zeitungspapier eingewickelt, haben sie einige Schädel dem Museumsdirektor auf den Schreibtisch gelegt. Durch welches Loch sie in die Katakomben gelangte sind, haben sie nie verraten,“ so der WAZ-Bericht. Dies zeigt, wie wenig ausgeprägt der denkmalpflegerische Umgang mit den damaligen Fundorten war. In den 1950er Jahren wollte die Stadtverwaltung das Gelände um die zerstörte Kirche einfach zuschütten. Prof. Dr. Fritz Tischler, Direktor des Niederrheinischen Museums (heute Kultur- und Stadthistorisches Museum) regte jedoch an, die Anlage herzurichten und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die systematische Freilegung und Untersuchung der Fundamente sowie des Totenkellers erfolgte 1958/1959, unmittelbar vor dem Bau der heutigen Karmelkirche (1961). Verantwortlich für die Planung und den bewussten Erhalt dieses historischen Erbes war der Essener Architekt Heinz Thoma. Er stand vor der Entscheidung, die freigelegten Strukturen zuzuschütten. Er entschied sich jedoch dafür, den Keller zu erhalten, weshalb der Altarraum der heutigen Kirche drei Stufen erhöht liegt.
Totenkeller oder Krypta?
Viele sprechen heute statt von einem Totenkeller oft von einer „Krypta“. Der Unterschied ist jedoch mehr als nur eine Frage der Bezeichnung. Während die Krypta vor allem ein sakraler Erinnerungsraum ist, verweist der Totenkeller auf die praktische Organisation des Sterbens in einer wachsenden Stadt. Gerade diese Verbindung von Frömmigkeit, Raummangel und Begräbniskultur macht den Duisburger Befund so aufschlussreich. Wer hinabsteigt, begegnet der Stadtgeschichte auf eine Weise, die kein Buch und kein Foto vollständig ersetzen kann. Die Grabkammern, die Spuren der Bestattungen und die Atmosphäre der unterirdischen Räume lassen Vergangenheit und Spiritualität unmittelbar erfahrbar werden. So wird der Totenkeller zu einer Krypta.
Beitragsbild: Foto: Spyrosdrakopoulos, CC BY-SA 4.0












